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30Jul/120

Endlich wieder in Japan! – LiveBlog aus Japan II

Der Abend des ersten Tages endete mit einem Ereignis besonderer Art: Ich habe Wal gegessen! Aber niemand hat es vorher gesagt! Alle schauten so eigenartig, als sie mir dieses dunkle Fleisch eines Fisches anboten, ich nahm an, es wäre Thunfisch. Aber es war ein Stück Walfleisch!Es schmeckte recht indifferent, aber das Bewusstsein, dieses Säugetier zu essen, war ein bisschen so,  als würde ich an meinem Bruder herum knabbern.

Für die japanischen Freunde um mich herum, alles ökologisch engagierte Menschen, war das übrigens überhaupt kein Problem. Sie fanden es ganz in Ordnung, wenn japanische Fischer Wale jagen. Auf einmal sprechen alle von Tradition und dergleichen  - und ich spreche über Nachhaltigkeit, und dass die Dinge alle miteinander zusammenhängen...
Das Gespräch fand übrigens in einem offenen Holzbudenverschlag statt, umgebaute kleine Bars, inmitten von 100 Meter hohen  Wolkenkratzern. Alle flüchten vor der Hitze in stark klimatisierte Räume, nur ich wollte unbedingt draußen sitzen...

Trotz all der Klimaanlagen: Japan hat im letzten Jahr über 10 % an Energie eingespart, musste also durch die Abschaltung der Atomkraftwerke bedingte Energieverluste "nur"  zu circa 16 % aus Öl und Gas ersetzen. Mindestens das soll jetzt durch den Einsatz von erneuerbaren Energien geschehen.Eine von drei Optionen, die die japanische Regierung derzeit unter beträchtlicher Anteilnahme der Bevölkerung diskutiert. Die beiden anderen Alternativen: 15 % Atomenergie, die 2. Alternative: mindestens soviel Atomenergie, wie vorher. Vor allem TEPCO plädiert energisch dafür...

Immerhin: Der Atom Ausstieg wird sogar offiziell erwogen, – wir haben 30 Jahre  Kampf dafür gebraucht.

Der zweite Tag beginnt nach einer sehr kurzen Nacht, nach 3 Stunden Schlaf habe ich um 7:30 Uhr den ersten Termin: Wahlkampf für Mr Ida. Das bedeutet in Japan: Freiwillige stehen freundlich lächelnd mit Plakaten oder Fähnchen in der Hand  an einer genau definierte Stelle einer Straße vor dem Rathaus und winken und lächeln vorbeifahrenden Autofahrer an. Gegenüber stehen die Anhänger des Gegners.

Für die Gouverneurswahl in Yamagushi sind 1,4 Millionen Wähler zur Wahl aufgerufen. Bei der erwarteten Wahlbeteiligung von ca. 40 % braucht der unabhängige Kandidat Ida  also nur circa 300.000 Stimmen. Da lohnt es sich um jede Stimme zu kämpfen.
Der Herausforderer ist als Wissenschaftler  ein international anerkannter Experte in Sachen Erneuerbare Energien. Er war jahrzehntelang eng mit Hermann Scheer befreundet. Und dieser Mann, ein ganz bescheidener Mensch, wird jetzt vielleicht Gouverneur eines japanischen Bundesstaates!

Auch japanische Journalisten sagen mir, dass diese Wahl richtungsweisend ist und von großer Bedeutung auch weit über Japan hinaus. Ich bin froh, dass ich hier bin, um diesen Mann wenigstens ein kleines bisschen zu unterstützen.

Nach 4 Stunden Fahrt in dem wunderbaren Shinkansen, übrigens ein Bahnsystem, das in 40 Jahren nicht einen einzigen tödlichen Unfall zu verzeichnen hatte, auch nicht bei Erdbeben, komme ich dann wieder in Tokio an; dort erwarten mich Interviews bei einem weit verbreiteten Online-Fernsehsender und mehreren Zeitungen.
Das Interesse an der 4. Revolution ist im letzten halben Jahr eher noch gestiegen, viele Menschen kennen nun den Film oder haben davon gehört, gesehen oder gelesen und wollen mehr über den Aufbruch  in das Zeitalter der Erneuerbaren Energien wissen.

Um 19:30 findet die allwöchentliche Freitagsdemo statt, da kann ich nicht fehlen! Um mich herum  sind viele wunderbare Menschen! Der Veranstalter lädt  mich spontan ein zu ihnen zu sprechen. Ich sage den Demonstranten, dass die ganze Welt auf sie schaut, weil sie den Widerstand aufrecht halten. Und erzähle von unseren Montagsdemos und Castor-Blockaden. Und bin ein bisschen stolz darauf, dass dies auch ein Teil der deutschen Geschichte ist...
Es ist eine sehr berührende Begegnung mit den etwa 300 -400 TeilnehmerInnen. Viele von ihnen sind, wie sie mir im Anschluss versichern, große Anhänger des Films, der Ihnen eine reale Vision aufgezeichnet habe.
Ich bin den Tränen nahe.

Wer hätte das alles gedacht, als wir vor sechs Jahren die Entscheidung fällten, diesen Film zu machen...

Ach ,Hermann, es wäre schön, wenn du dieses alles erleben würdest. Es ist vor allem dein Werk.

Carl-A. Fechner

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