Endlich wieder in Japan – LiveBlog IV
Es ist Sonntag, 29.7. 2012. Der Tag der Entscheidungen!
Er beginnt für mich mit einem Hearing vor ausgewähltem Publikum in einem internationalen Institut.
Spannende Fragen: die Deutschen haben über 30 Jahre gebraucht, bis sie sich zum Atomausstieg durchringen konnten. Und 61 Jahre, bis sie einen Grünen zum Ministerpräsidenten gewählt haben. So viel Zeit hat Japan nicht. Wie lassen sich derartige Prozesse beschleunigen?
Nach meiner Auffassung muss das Thema der 4. Revolution– die Umgestaltung unserer Wirtschaft und unserer Gesellschaft auf dezentrale Strukturen unter vollständiger Nutzung erneuerbarer Energien und Ressourcen – auf allen Ebenen im Bewusstsein gehalten werden. Wenn wir es zulassen, dass diese Revolutionen in uns, in unseren Herzen entsteht, wird sie sich rasend schnell verbreiten können. 
Dazu bedarf es der aktiven Nutzung aller Kommunikationskanäle, insbesondere Social Media, und der Aktivitäten auf allen Ebenen, innerparlamentarisch und außerparlamentarisch. Und eben auch der kontinuierlichen Präsenz auf der Straße.
Zur Erweiterung der Demokratiebewegung in Japan ist dieses Land an diesem Wochenende beträchtlich weiterkommen: die Grüne Partei wurde gegründet! Ich spreche ein offizielles Grußwort für die weltweite Community of energy autonomy, und ermuntere alle, nun den Kampf um diese wunderbare Revolution mit Liebe, Intelligenz und Beharrlichkeit ins das japanische Parlament zu tragen. Großer Jubel!
Danach spricht Bärbel Höhn, diese wunderbare Vorkämpferin der deutschen Grünen, und macht noch noch einmal klar, dass die japanischen Grünen sich gut aufgehoben fühlen können in einem weltweiten Netzwerk der Umwelt- und Friedensbewegung, die nicht aufzuhalten sein wird.
Es gibt eine Verbindung zwischen der militärischen und zivilen Nutzung von Atomenergie, und es wird Zeit, daß dieser Albtraum weggefegt wird!
Ein kurzer Abschied und schon muss ich weiter nach Yamagushi,dem Nachbarstaat von Hiroschima, in dem heute gewählt wird!
Die Spannung in der Zentrale des ersten unabhängigen Kandidaten bei einer Gouverneurswahlen in Japan, dem Experten im Bereich erneuerbarer Energien, Mr. Lida ist atemberaubend.
Dann ist alles klar. Er verliert. Er verliert haushoch. Der konservative Kandidat hat über 100.000 Stimmen mehr.
Als er kommt und spricht, weinen fast alle im Saal. Das heißt, die Frauen weinen. Die Männer lächeln, genau wie der Kandidat. Die meisten hier im Raum sind jünger als 35 Jahre, und die meisten sind Frauen, wie so oft, wenn es um Veränderungen geht.
Lida versucht, alle aufzumuntern. Die Zeit war wohl noch zu früh, es wird Zeit vergehen, bis demokratische Mehrheiten für die ungeheuren Veränderungen, die in Japan anstehen, gefunden werden. Aber es ist ein erster Beginn gewagt worden, und das respektieren viele in Japan, und manche fürchten es.
Schweigend räumen die Menschen den Saal auf, nehmen die Plakate von den Wänden, rücken die Stühle wieder zurecht.
Dann kommt der Kandidat noch einmal wieder, ohne Fernsehen, und erlöst seine Anhänger. Bedankt sich bei jedem einzelnen. Wird mit Blumen überhäuft, umjubelt, auf den Schultern getragen, mit jedem einzelnen fotografiert.
Er hat verloren, ja, aber Japan hat gewonnen. Und diese Menschen hier haben ein Stück japanische Geschichte geschrieben. Sie werden weitermachen, beharrlich und auf ihre japanischen Weise, respektvoll, freundlich, liebenswürdig.
Für uns gibt es hier nichts mehr zu tun. Schweigend fahren wir in die Nacht.
24 Stunden später nehme ich in Deutschland meine Arbeit wieder auf.
Ich danke unseren japanischen Freundinnen und Freunden für die Einladung und ihr weiter steigendes Interesse an der 4. Revolution.
Und ich danke euch, die ihr diesen Blogg gelesen hat, für euer anhaltendes Interesse.
Die Revolution wird siegen!
Euer
Carl-A. Fechner
Endlich wieder in Japan! – LiveBlog aus Japan III
Der Tag beginnt mit einer persönlichen Grenzüberschreitung. Ich beschließe einmal um den Kaiserpalast in Tokio herumzulaufen. Eine gut 5 km lange bekannte Joggingstrecke, bei 34° Lufttemperatur und 92 % Luftfeuchtigkeit , um 12:00 Uhr mittags.
Bei solchen Temperaturen rast der Köper von Beginn an, die Körpertemperatur steigt auf über 40°, der Puls liegt bei 160.
Normalerweise laufe ich 1 Stunde, diesmal höre ich lieber nach 40 Minuten auf, nach einer Runde um den Palast , begleitet von einer Hand voll sichtlich durchtrainierter Marathonläufer und den mitleidig bewundernden Blicken der Palastwache.
Danach eine halbe Stunde kalt duschen und 5 l Wasser trinken...
Die Nachmittagsvorführung ist wieder sehr voll, während des Screenings gebe ich drei Interviews, erstmalig auch mit ei
ner Journalistipn im traditionellen Kimono, ein wunderbares Vergnügen. Sie kennt jedes Detail früherer Interviews und fragt mich lauter persönliche Sachen: Wie ich lebe, meine persönliche Lebensbalance, wo ich wohne.
Ich erzähle ihr von unserem Leben im Passivhaus, das wir ab 18. Januar ohne Heizung betreiben konnten in diesem kalten Winter und von wilden Fußballspielen mit meiner Familie jeden Sonntag..
Dann folgt eine fast zweistündige Diskussion mit dem hoch engagierten Publikum. Meine gestrige Rede auf der Freitagsdemo ist vom Fernsehen aufgezeichnet worden und soll am Montag ausgestrahlt werden, erst am Montag, um den Wahlkampf nicht zu beeinflussen...
Danach folgt ein Arbeitsessen mit Mr. Suzuki, dem Gründer einer Arbeitsgemeinschaft für umweltbewusstes Management, so ähnlich wie B.A.U.M in Deutschland. Nach drei Monaten hat er schon 400 Mitglieder.
Er ist ein äußerst erfolgreicher Fischunternehmer, und jagt seine Fische mittlerweile 8000 km entfernt vor Südamerika. Ich bin völlig mitgenommen von seinen durchaus betroffenen Erzählungen. Wie kann ein Land wie Japan seine Lebensgrundlage so derartig hemmungslos ausbeuten? Einmal mehr wird mir bewusst, wie wichtig die Grundidee von Nachhaltigkeit ist...
Morgen ist die Wahl, und die grüne Partei Japan wird gegründet. Was für ein wichtiger Tag in der Geschichte Japans,
Carl-A. Fechner
Endlich wieder in Japan! – LiveBlog aus Japan II
Der Abend des ersten Tages endete mit einem Ereignis besonderer Art: Ich habe Wal gegessen! Aber niemand hat es vorher gesagt! Alle schauten so eigenartig, als sie mir dieses dunkle Fleisch eines Fisches anboten, ich nahm an, es wäre Thunfisch. Aber es war ein Stück Walfleisch!Es schmeckte recht indifferent, aber das Bewusstsein, dieses Säugetier zu essen, war ein bisschen so, als würde ich an meinem Bruder herum knabbern.
Für die japanischen Freunde um mich herum, alles ökologisch engagierte Menschen, war das übrigens überhaupt kein Problem. Sie fanden es ganz in Ordnung, wenn japanische Fischer Wale jagen. Auf einmal sprechen alle von Tradition und dergleichen - und ich spreche über Nachhaltigkeit, und dass die Dinge alle miteinander zusammenhängen...
Das Gespräch fand übrigens in einem offenen Holzbudenverschlag statt, umgebaute kleine Bars, inmitten von 100 Meter hohen Wolkenkratzern. Alle flüchten vor der Hitze in stark klimatisierte Räume, nur ich wollte unbedingt draußen sitzen...
Trotz all der Klimaanlagen: Japan hat im letzten Jahr über 10 % an Energie eingespart, musste also durch die Abschaltung der Atomkraftwerke bedingte Energieverluste "nur" zu circa 16 % aus Öl und Gas ersetzen. Mindestens das soll jetzt durch den Einsatz von erneuerbaren Energien geschehen.Eine von drei Optionen, die die japanische Regierung derzeit unter beträchtlicher Anteilnahme der Bevölkerung diskutiert. Die beiden anderen Alternativen: 15 % Atomenergie, die 2. Alternative: mindestens soviel Atomenergie, wie vorher. Vor allem TEPCO plädiert energisch dafür...
Immerhin: Der Atom Ausstieg wird sogar offiziell erwogen, – wir haben 30 Jahre Kampf dafür gebraucht.
Der zweite Tag beginnt nach einer sehr kurzen Nacht, nach 3 Stunden Schlaf habe ich um 7:30 U
hr den ersten Termin: Wahlkampf für Mr Ida. Das bedeutet in Japan: Freiwillige stehen freundlich lächelnd mit Plakaten oder Fähnchen in der Hand an einer genau definierte Stelle einer Straße vor dem Rathaus und winken und lächeln vorbeifahrenden Autofahrer an. Gegenüber stehen die Anhänger des Gegners.
Für die Gouverneurswahl in Yamagushi sind 1,4 Millionen Wähler zur Wahl aufgerufen. Bei der erwarteten Wahlbeteiligung von ca. 40 % braucht der unabhängige Kandidat Ida also nur circa 300.000 Stimmen. Da lohnt es sich um jede Stimme zu kämpfen.
Der Herausforderer ist als Wissenschaftler ein international anerkannter Experte in Sachen Erneuerbare Energien. Er war jahrzehntelang eng mit Hermann Scheer befreundet. Und dieser Mann, ein ganz bescheidener Mensch, wird jetzt vielleicht Gouverneur eines japanischen Bundesstaates!
Auch japanische Journalisten sagen mir, dass diese Wahl richtungsweisend ist und von großer Bedeutung auch weit über Japan hinaus. Ich bin froh, dass ich hier bin, um diesen Mann wenigstens ein kleines bisschen zu unterstützen.
Nach 4 Stunden Fahrt in dem wunderbaren Shinkansen, übrigens ein Bahnsystem, das in 40 Jahren nicht einen einzigen tödlichen Unfall zu verzeichnen hatte, auch nicht bei Erdbeben, komme ich dann wieder in Tokio an; dort erwarten mich Interviews bei einem weit verbreiteten Online-Fernsehsender und mehreren Zeitungen.
Das Interesse an der 4. Revolution ist im letzten halben Jahr eher noch gestiegen, viele Menschen kennen nun den Film oder haben davon gehört, gesehen oder gelesen und wollen mehr über den Aufbruch in das Zeitalter der Erneuerbaren Energien wissen.
Um 19:30 findet die allwöchentliche Freitagsdemo statt, da kann ich nicht fehlen! Um mich herum sind viele wunderbare Menschen! Der Veranstalter lädt mich spontan ein zu ihnen zu sprechen. Ich sage den Demonstranten, dass die ganze Welt auf sie schaut, weil sie den Widerstand aufrecht halten. Und erzähle von unseren Montagsdemos und Castor-Blockaden. Und bin ein bisschen stolz darauf, dass dies auch ein Teil der deutschen Geschichte ist...
Es ist eine sehr berührende Begegnung mit den etwa 300 -400 TeilnehmerInnen. Viele von ihnen sind, wie sie mir im Anschluss versichern, große Anhänger des Films, der Ihnen eine reale Vision aufgezeichnet habe.
Ich bin den Tränen nahe.
Wer hätte das alles gedacht, als wir vor sechs Jahren die Entscheidung fällten, diesen Film zu machen...
Ach ,Hermann, es wäre schön, wenn du dieses alles erleben würdest. Es ist vor allem dein Werk.
Carl-A. Fechner
Endlich wieder in Japan! – LiveBlog aus Japan I
Der erste Tag
S
o bin ich also schneller als erhofft zurück in Japan. - Diesmal geht die Reise auch in die Provinz Yamaguchi, das ist die Region von Kyoto. Der Hauptgrund für diese Reise ist die Kandidatur von Herrn Iida, er ist der erste Grüne Kandidat Japans auf einen Posten, der in etwa dem eines deutschen Ministerpräsidenten gleicht.
Ich kenne Herrn Iida schon seit über 10 Jahren, er war ein persönlicher Freund von Hermann Scheer und hat schon vor 20 Jahren ein Buch zum Thema Energieautonomie geschrieben. Wenn dieser Mann die Wahl gwinnt, würde das einen wichtigen Impuls geben für ganz Japan.
Für die erste Veranstaltung, die nur wenige Stunden nach meiner Landung, stattfand, hatten wir uns in einer sehr traditionsreichen Gegend eingefunden. Die Region ist bekannt, da einer der bekanntesten Revolutionäre Japans von hier stammt: Sakamoto Ryoma, er hat die Meiji-Revolution ausgelöst, also sozusagen die Grundlage des heutigen modernen Japans geschaffen hat. Wir haben uns also am rechten Fleck für unsere „Mission“ eingefunden.
Die Veranstaltung selbst verlief für deutsche Verhältnisse mehr als kurios, Herr Iida darf in den entscheidenden, letzten drei Wochen überhaupt keinen Wahlkampf im Internet mehr machen. Diese Regelung stellt natürlich einen großen Vorteil für den an der Macht stehenden Kandidaten dar, Gegenkandidaten haben nur geringe Chancen bei einer solchen Veranstaltung überhaupt an die Menschen heranzukommen.
Von den über 200 Menschen die unsere Veranstaltung besuchten, waren sehr viele Leute noch unentschlossen. Das lag sicherlich auch daran, dass die Veranstaltung war um die 4. Revolution herum organisiert war, also keine reine Wahlkampfveranstaltung war und auch von anderen gesellschaftlichen Gruppen unterstützt wurde.
Die Unterstützung des Kandidaten aus der Gesellschaft ist faszinierend, die ganze Veranstaltung war ausschließlich von Voluntiers organisiert, ich bin froh, dass ich auf dieser Veranstaltung dabei sein konnte und vielleicht ein kleines bisschen dazu beigetragen habe, die Erneuerung von Japan voranzutreiben.
In fünf Stunden geht es weiter zu einer weiteren Wahlrede mit Herrn Iida, anschließend reise ich weiter nach Tokio, um dort morgen diverse Fernseh- und Radiointerviews zu geben.
Am Sonntag folgt sicherlich einer der Höhepunkte dieser Reise: die neue grüne Partei wird gegründet und ich darf mit dabei sein. Ich bin froh und auch stolz, dass ich mit der 4. Revolution ein Teil dieser Neuerung sein kann.
Wie schon auf meiner ersten Japanreise fällt mir die Art wie Probleme hier angegangen werden, sehr positiv auf: Mit Freundlichkeit, Geduld und der tiefen inneren Absicht dem andern Menschen zu helfen. Man kann also auch ein erfolgreiches, sehr wohl auch ein Probleme bewältigendes Industrieland managen ohne sich gegenseitig ständig in Aggression zu begegnen.
Ich melde mich wieder.
Herzliche Grüße
Carl-A. Fechner
Neu auf DVD: WEIL ICH LÄNGER LEBE ALS DU!

Nach der erfolgreichen Ausstrahlung im Fernsehen und unzähligen positiven Kommentaren ist die neueste fechnerMEDIA-Produktion WEIL ICH LÄNGER LEBE ALS DU! nun auch endlich auf DVD erhältlich!
Mehr Informationen dazu gibt es unter http://www.weilichlaengerlebealsdu.de/ .